Antho­lo­gie “unten”

(Aus­zug aus mei­ner Kurz­ge­schich­te “Im Gar­ten)

Jetzt tut sich unten im Gar­ten etwas. Leo­nie muss vor­hin hin­aus­ge­kom­men sein, ich habe sie gar nicht gleich gese­hen. Die arme Leo­nie, den­ke ich, so ein schö­ner Gar­ten und dann ist sie das ein­zi­ge Kind hier. War­um nimmt sie kei­ne Freun­din­nen mit? Hat sie kei­ne, oder ist sie eine Ein­zel­gän­ge­rin? Sowas soll es ja geben, Kin­der, die lie­ber allei­ne spie­len, die sich unter Gleich­alt­ri­gen unwohl füh­len, fast schon bedroht. Mei­ne Kusi­ne war so ein Kind, heu­te ist sie anders, aber damals war sie immer allein, hat uns weg­ge­schickt, und wenn ich heu­te mit ihr dar­über spre­che, sagt sie: Ihr habt mich gelang­weilt mit euren blö­den Spie­len.
Ich sehe Leo­nie zu, wie sie in die Hocke geht und den Kopf hin­un­ter beugt, ihre Haa­re hän­gen ihr ins Gesicht und strei­fen die Gras­hal­me. Sie hält den Blick auf etwas am Boden gerich­tet, viel­leicht eine Kolo­nie Amei­sen oder einen Käfer. Auch die Kat­ze sieht auf das Kind, als wür­de sie sich für sein Trei­ben ernst­haft inter­es­sie­ren, und viel­leicht tut sie es ja auch, was weiß ich, was in so einer Kat­ze vor­geht, viel­leicht viel mehr als wir uns vor­stel­len kön­nen.
Zehn Minu­ten spä­ter hockt Leo­nie noch immer in der glei­chen Posi­ti­on in der Wie­se und starrt auf die­sel­be Stel­le wie vor­hin. Schließ­lich steht sie auf und geht zu den Hasel­sträu­chern, wo sie sich einen lan­gen dün­nen Ast abbricht. Damit geht sie wie­der zurück und sto­chert in der Wie­se her­um, jetzt geht es den Amei­sen an den Kra­gen, den­ke ich, aber man muss Kin­der las­sen, in dem Alter ist das nor­mal, da rei­ßen sie den Flie­gen die Flü­gel aus und zer­tei­len Regen­wür­mer, das soll sogar gut sein für die Ent­wick­lung.
Spä­ter setzt sich Friedl auf einen der wei­ßen Ses­sel und sieht sei­ner Toch­ter zu. Wir win­ken ein­an­der kurz zu, dann klappt Friedl den Lap­top auf. Er ist der­je­ni­ge, der an den Nach­mit­ta­gen immer zu Hau­se ist und auf sei­ne Toch­ter auf­passt. Ich fra­ge mich, was man als Sozi­al­ar­bei­ter wohl am Lap­top zu arbei­ten hat, aber viel­leicht hat er ja einen Neben­job. Er sieht immer sehr ernst und kon­zen­triert aus, wenn er schreibt, nur wenn er den Blick hebt, lächelt er sei­ner Toch­ter zu, und manch­mal setzt sie sich dann zu ihm und beginnt zu zeich­nen und von oben sehe ich, wie sie neben­ein­an­der sit­zen, Friedl mit sei­nem Lap­top und Leo­nie mit ihren Filz­stif­ten.
Heu­te klappt Friedl den Lap­top schon frü­her zu und schaut zu mir hin­auf. Ein Bier?
Unten erfah­re ich, dass der Grandl ver­schwun­den sein soll. Man hat tage­lang nichts gehört, sagt Friedl, hast du das gar nicht mit­be­kom­men?
Wir woh­nen ja zwei Stock­wer­ke unter ihm, sage ich, wir hören sei­nen Fern­se­her nicht.
Aber es war doch Haus­ge­spräch, sagt Friedl, alle haben dar­über gere­det.
Ich mag das Haus und ich mag sei­ne Bewoh­ner, ich mag es, dass wir uns alle so gut ver­ste­hen, aber manch­mal erin­nern sie mich an Dorf­be­woh­ner, die die Gewohn­hei­ten der ande­ren aus­spio­ni­ern.
Der Peter hat ges­tern nach­ge­schaut, sagt Friedl.
Was nach­ge­schaut?
Na, nach­ge­schaut eben. Er hat doch den Reser­ve­schlüs­sel vom Grandl, weil der sich immer aus­ge­sperrt.
Und?, fra­ge ich.
In die­sem Moment kommt Leo­nie auf uns zu, mit ihrem Hasel­strauch­ste­cken in der Hand zupt sie Friedl am T‑Shirt, Schau mal!, sagt sie, aber Friedl hebt sie auf sei­nen Schoß, Spä­ter, sagt er. Dann dreht er sich wie­der zu mir: Der Grandl ist weg. Spur­los ver­schwun­den.
Leo­nie hopst von sei­nem Schoß her­un­ter und sto­chert wie­der im Gras her­um.
Der wird halt auf Urlaub gefah­ren sein, sage ich. Oder ein paar Tage zu sei­ner Schwes­ter.
Ich glaub nicht, dass der Grandl eine Schwes­ter hat.
Viel­leicht hat er ja eine Gelieb­te.
Blöd­sinn, sagt Friedl. Der Grandl und eine Gelieb­te.
War­um denn nicht?
Friedl hebt sei­ne Bier­do­se und pros­tet mir zu. Viel­leicht hast eh recht, sagt er, ja, höchst­wahr­schein­lich sogar.
So leicht ver­schwin­det man doch nicht spur­los, sage ich.

wei­ter­le­sen in: “unten”, der Antho­lo­gie zum Lite­ra­tur­wett­be­werb Texta­se 2011, Holz­baum Ver­lag

Consent Management Platform von Real Cookie Banner